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21.01.2011 | Dennis Wiesch
Gestern Nacht war ich Zeuge des DJ-Gastspiels einer lebenden Legende: Grandmaster Flash. Gibt es eine Figur im HipHop, die diesen Musikstil mehr geprägt hat? War er es nicht, der um 1980 mit seinen Songs wie »The Message« die amerikanische Musikszene in seinen Grundfesten erschütterte und mal eben ein komplett neues Genre erschuf? Damals, noch ohne Goldkettchen, leicht bekleidete Mädels, eigene Modelabels, Lowrider und Jahcoozis. Grandmaster Flash from the block sozusagen. Die Street-Attitüde war weder aufgesetzt noch künstlich erzeugt, sondern wirklich real. Es ging – genau – um die Message und nicht um Moneten. In erster Linie zumindest nicht.
Leider hat sich das in all der Zeit bedeutend geändert. Klar, der Mann muss auch irgendwie sein Geld verdienen, wird auf der anderen Seite durch Weltruhm, Album- und Singleverkäufe, Lizenzierungen, Tourneen und Gigs aber auch nicht gerade wenig verdient haben. Hat immerhin gereicht, sich neben seiner Villa noch ein zweites Haus zu bauen, nur für seine Platten, wie er angibt.
Nun gibt sich der Großmeister, der im wirklichen Leben Joseph Saddler heißt, also die Ehre und kommt in unser beschauliches Freiburg, um im Kagan-Club Platten aufzulegen. Falsch gedacht. Es ist ein Laptop, den der Herr zum Musik auflegen verwendet. Seine Scheiben scheint er indessen in seinem Haus stehen gelassen zu haben.
Wer den Club »Kagan« kennt, wird sich vermutlich wundern, was Grandmaster Flash dort zu suchen hatte. So steht diese Location im 17. Stockwerks eines Büroturms am Freiburger Hauptbahnhof nicht unbedingt für Street Credibility ein; ein entsprechender Dresscode und vor allem keine Turnschuhe werden hier vorausgesetzt. Was hat das mit HipHop zu tun, vor allem, wenn der Protagonist aus der South Bronx stammt? Ein schöner Widerspruch. Oder genauer gesagt: Wie kann jemand wie der Godfather of HipHop in einem Club auflegen, der in krassem Gegensatz zu dem steht, was er früher – also vor knapp 30 Jahren – in seinen Texten proklamiert hat?
Zumindest hat sein Auftritt das Interesse diverser Fans der ersten Stunde und grundsätzlich musikbegeisterter Menschen geweckt, diese erkennt man vor allem daran, dass sie sich durch ihr Alter gehörig von der Stammkundschaft unterscheiden. So darf man getrost vermuten, dass sich, das Durchschnittsalter der breiten Masse betreffend, von vielen hier anwesenden Kids die Eltern am Tag des Erscheinens von »The Message« (1982) nicht mal gekannt haben. Vermutlich ist für genau diese Generation dieser Abend einer wie jeder andere. Von flammendem Interesse an der HipHop-Historie keine Spur. Hier stehen tatsächlich Schmuck, Goldketten und ein perfekt aufeinander abgestimmter Kleidungsstil im Vordergrund. Für viele der hier Anwesenden schien es wichtiger zu sein, wie und ob überhaupt sie von den anderen Gästen wahrgenommen werden. Grandmaster Flash? Egal! Musikgeschichte? Total egal! Usher? Geil!
Gegen Mitternacht beginnt dann endlich das Set vom Grandmaster und lässt schnell ahnen, in welche Richtung das Ganze an diesem Abend gehen wird. Ein Gassenhauer jagt den nächsten, nach spätestens 90 Sekunden wird gecuttet und der nächste Hit durch die Boxen gejagt. Grandmaster Flash feuert ein einziges Hitfeuerwerk ab. Es klingt, als habe er sich die »Best of Bravo Black Hits Volume 1 – 20« zur Hilfe genommen und bedient mit seiner Auswahl leider jedes Klischee. Nur selten mischen sich die guten alten Old School Hits von KRS ONE, A Tribe Called Quest oder Run DMC unter Chart- und Partyhits von Usher, Naughty By Nature und den Black Eyed Peas. Höhepunkt seines Sets ist unbestritten »The Message«, dass sogar wesentlich länger als alle anderen Songs gespielt wird und für dessen Entstehung sich der Grandmaster auch zu Recht feiern lässt; Tiefpunkt ist das totale Durcheinander nach einer Stunde: auf David Bowie’s »Let’s Dance« folgt Nirvana’s »Smells Like Teen Spirit«, darauf dann Jay-Z und direkt hinterher ist Daft Punk zu hören.
Ein guter DJ zeichnet sich auch dadurch aus, dass er einen guten Flow hat, also das Publikum auf eine Reise mitnimmt. Dieses suchte man hier vergeblich. Natürlich wurden einem alle möglichen Hits der Musikgeschichte präsentiert (AC/DC, Chic, Bee Gees, Cypress Hill), aber das mit einer Konzeptlosigkeit, dass zumindest Musikliebhaber wie ich das Ganze irgendwann nicht mehr ertragen haben. Verschlimmert wurde dieses nur noch durch seine permanenten, im gefühlten 30-Sekunden Takt vorkommenden Durchsagen à la »Freiiiibuuuurg«, »Put you hands up«, »Do you wanna paaarteeyyy?« und »Make some noise«.
Da stellt man sich natürlich schon die Frage, wieso der Mann das tut. Liegt es wirklich nur am Geld? War es nur Lustlosigkeit und fehlende Motivation? Hat er es nötig, so einen Sound aufzulegen? Es war mir zwar auch klar, dass mich hier keine Underground-HipHop-Block Party erwarten wird, aber so kommerziell? Für mich unverständlich. Knapp 30 Jahre später scheint von der eigentlichen »Message« zumindest nicht mehr viel übrig geblieben zu sein.
So fand ich mich auch schon eine gute Stunde später an der Garderobe wieder und entließ mich in die kalte Freiburger Nacht. Denn diese war zu diesem Zeitpunkt weitaus angenehmer als das Chaos, welches sich 17. Stockwerke über mir abspielte.
Bildquelle: www.grandmasterflash.com
Manuel Lorenz
21.01.2011 | 16:39
http://fudder.de/artikel/2011/01/21/ein-missverstaendnis-grandmaster-flash-im-kagan/
Dominik
21.01.2011 | 17:48
Ich verstehe diese ganze Aufgeregtheit hier und auf fudder.de mal überhaupt nicht. Alle die sich über seinen Stil aufregen, haben wohl Grandmaster Flash vorher noch nie auflegen gehört. Weiss irgendjemand ob er jemals Underground Hip Hop aufgelegt hat? Ich jedenfalls habe ihn 2004 auf der Extravaganza im Westbad gehört und damals hat er ganz normalen Mainstream Hip Hop aufgelegt. "diverse Fans der ersten Stunde" das ich nicht lache, sicherlich habe ich auch White lines und The Message, bereits in meiner Jugend vor über 10 Jahren gehört, allerdings waren das damals ja schon Klassiker. Vom Sound her war das auch was ganz anderes als The Roots, Common oder Krs-One. Wenn man vielleicht DJ Krush ins Kagan einladen würde und er käme mit solch einer Setlist an könnte ich die Empörung ja noch verstehen, aber bei Grandmaster Flash verstehe ich das nicht. Ich nehme eher an, das die ganzen "realen Heads" keine Ahnung haben was der Typ macht.
Dennis
21.01.2011 | 17:58
Hallo Dominik, ich habe GMF vorher tatsächlich noch nie auflegen gehört und bin vielleicht mit einer zu hohen Erwartungshaltung zu der Party gegangen. Ich finde es trotzdem einfach schade, dass jemand wie er, der wegweisende Tracks produziert hat, dann so viel eher belangloses Zeug auflegt, das jeder drittklassige DJ auf einer beliebigen Jugendzentrum-Aftershowparty genauso hinbekommen würde. Klar war es Partymusik, der Großteil der Leute ist drauf abgegangen und der Job eines DJs ist nun mal Entertainment. Aber was ist daran falsch, Entertainment mit zumindest auch ein wenig Education zu verbinden?
Dominik
21.01.2011 | 19:19
Hallo Dennis, ok ich kann deine Entäuschung ja irgendwie verstehen. Hast du dir aber nie überlegt warum er vom Kagan für solch einen Abend gebooked wird? Soweit ich weiss, legt auch Biz Markie auf diversen Promiparties auf u.a. bei Puff Daddy. Sogar Torch legt ab und zu in Wiesbaden in einem Club auf , welcher vom Dresscode mit dem Kagan vergleichen kann. Zu letzteren beiden kann ich zwar nichts zu ihren Sets sagen, es würde mich aber wundern wenn sie auf diesen Parties wirklich besonders ausgefallenen HipHop spielen würden. Du wirst doch wahrscheinlich selbst wissen, was man so als DJ verdient. Glaubst du wirklich du wirst deinem Stil treu bleiben, wenn du keine andere Einnahmensquelle hast als das Auflegen? Es geht ja hier schliesslich nicht um Weltpolitik sondern um Partymusik
Dennis
21.01.2011 | 19:31
Für das Kagan war das Booking natürlich ein riesiger Imagegewinn. Zumindest hat es ihnen viel Aufmerksamkeit gebracht.
Und ob Promiparty oder Undergroundparty, das beißt sich natürlich gehörig.
Ob man sich für das Geldverdienen verkaufen will, muss jeder mit sich selbst ausmachen. Ich finde es einfach schade, da ich es so arg nicht erwartet hätte. Letztenendes war es auch nur eine Party, da gebe ich Dir vollkommen Recht. Und da bin ich auch froh, dass sich GMF um die Partymusik und nicht die Weltpolitik kümmert..
Ich wollte ursprünglich auch zur GMF-Party ins Kagan, konnte aber dann doch nicht, bin darüber auch froh, da ich Dennis' Urteil absolut vertraue. Mir scheint, daß dieser Abend einen Trend widerspiegelt, der künstlerisch meiner ganz persönlichen Meinung nach in eine schräge Richtung läuft, es ist dies die Kombination aus »Name Dropping« und »Anbiederung (weil dem Künstler nichts mehr einfällt)«. GMF war für den Club gut, obwohl man dort vielleicht auch nicht so richtig wußte was musikalisch passieren wird, Hauptsache ein »Big Name«. Und GMF mit seiner Riesenerfahrung bedient das Publikum, das er vor sich hat genau richtig: Keinem wehtun, Erwartungen der Masse erfüllen, nicht mehr und nicht weniger. Beispiele dieser Art gibt es zuhauf: Alternde Rockstars gehen mit Orchestern auf Tour und lassen ihre alten Hits von Geigen wimmern oder gehen auf die gefühlte 5. Farewell-Tour, bloß keine Experimente! Es geht nur um die Kohle - darum darf es gehen, aber nicht ausschließlich.
Barbara Lamprecht
28.01.2011 | 15:18
Ich war jahrelanger Fan von Grandmaster Flash & The Furius Five.... und habe ihn vor paar Jahren (ca. 6) hier in Köln bei einem kleinen HipHop&Reggae-Festival erlebt. Und war total enttäuscht! Auch da: Goldkettchen, Rumgelaufe auf der Bühne und alles einfach nur langweilig. Da waren die anderen Bands weitaus spannender. Gentlemen, Patrice etc. - ich hätte mir das nicht antun sollen. Auch da schien er null Bock zu haben, hat sein Programm abgespult. Was er aufgelegt hat, hab ich schon nach wenigen Minuten vergessen... außer Enttäuschung blieb nix übrig.
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