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15.03.2011 | Markus Muffler
Ich habe vergangene Weihnachten von einem lieben Menschen ein wirklich lesenswertes Buch geschenkt bekommen: »Die Leichtigkeitslüge« von Holger Noltze, erschienen im Jahr 2010 bei der Edition Körber-Stiftung. Hauptsächlich fokussiert auf klassische Musik, analysiert der Autor mit viel Sachverstand, Tiefe und Leidenschaft, wie es um den Kulturmarkt, die kulturelle Bildung, die mediale Behandlung und die Vermittlung von Kultur in unserem Land bestellt ist. Und, es sieht nicht gut aus...
Holger Noltzes Analysen lassen sich auch sehr gut auf Musik jenseits der Klassik anwenden, sei dies nun der Jazz, Rock oder Elektronisches. Immer geht es um die Beziehung zum Publikum und den emotionalen Reichtum den musikalische Schätze erzeugen können. Noltze wehrt sich gegen die Abspeisung des Publikums mit musikalischen Häppchen und schlägt vor, »die Nährwerte von Kunst und ästhetischer Erfahrung neu zu entdecken.« (Zitat Klappentext). Jeder kennt doch das Gefühl und die erhellende Erfahrung, wenn sich einem eine zunächst etwas sperrige Platte nach dem fünften Hören ganz plötzlich erschließt, und man kapiert hat, um was es geht. Man freut sich jedes Mal über den wohligen Schauer und das Glücksgefühl, das sich einstellt, wenn man dann die Platte fünfzig Mal gehört hat. Und warum ist da so? Weil wir uns auf etwas eingelassen haben, und wir das vermeintlich Komplexe plötzlich durchschauen und erfahren, »Gefühl und Verstand wurden kurz geschlossen«, wie es weiter im Klappentext heißt. Man kann an Bach, aber auch an Björk und Brad Mehldau, spielerisch- sinnlich und höchst unterhaltsam etwas Wesentliches üben: den furchtlosen Umgang mit Komplexität.
Auf keinen Fall das Publikum überfordern
Noltze geht mit manchen Medien und Kulturvermittlern (Agenturen, Veranstalter, Trägern) zurecht hart ins Gericht, wenn er ihnen vorwirft, daß man dem Publikum auf keinen Fall etwas zumuten darf, jede vermeintliche Anstrengung muß den Leuten erspart bleiben. Dieses Verhalten, so Noltze, zeuge eigentlich von einer unglaublichen Arroganz und Überheblichkeit dem Publikum gegenüber, weil ihm offenbar die geistige Fähigkeit von bestimmten entscheidenden Gruppen von vornherein abgesprochen werden. Das Ergebnis ist die Banalisierung und die Event-Sucht. Ob im Radio oder Fernsehen, im Gespräch mit Veranstaltern oder Kulturträgern, die Angst, die Zuhörer zu überfordern, ist fast mit Händen zu greifen, und wie es im Klappentext sinngemäß weiter heißt, der gute Gedanke der Vermittlung gerät so nicht selten zur anpasserischen Vereinfachung.
Es gibt Hoffnung
Noltze weiß sehr gut von was er redet. Er ist Musikjournalist und Professor für » Musik und Medien« an der TU Dortmund. Er war außerdem beim Deutschlandfunk und dem WDR, schreibt unter anderem für die FAZ und er läßt uns in seinem Buch glücklicherweise nicht im Regen stehen. Im letzten Kapitel, überschrieben mit »Der fliegende Teppich«, wirbt er um einen entspannten Umgang mit Komplexität in der Kunst. Holger Noltze schreibt, daß uns ästhetische Erfahrungen die Fähigkeit beibringen können, Schwieriges auszuhalten und Unerklärbares anzunehmen. Er sagt, daß der Hebel nur an der »Verblödungsspirale«, angetrieben aus einer Allianz aus mangelnder kultureller Bildung, quotensüchtigen Medien und einer zunehmenden Ökonomisierung der Gesellschaft, angesetzt werden kann.
Wer sich immer einmal gefragt hat, warum immer die gleichen Sachen im Radio gespielt werden, sollte dieses Buch lesen. Es lohnt sich.
21.08.2011
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