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30.07.2010 | Dennis Wiesch
Über Lee Ritenour muss eigentlich nicht mehr viel gesagt werden. Der mittlerweile 58-jährige Vollblutgitarrist kann auf eine äußerst beeindruckende Karriere zurückblicken. Mehr als 30 veröffentlichte Alben, 17 Grammy-Nominierungen, Gründungsmitglied der Supergruppe »Fourplay« (gemeinsam mit Harvey Mason, Bob James und Nathan East) und unzählige Studio- und Sessionauftritte für Quincy Jones, Pink Floyd, George Duke, Alphonse Mouzon, Steely Dan, Aretha Franklin, Bill Evans, Don und Dave Grusin, Al Jarreau,… die Liste kann beinahe unendlich fortgeführt werden. Sprich, wir haben es hier mit einem der ganz großen Gitarristen der vergangenen Jahrzehnte zu tun.
Und dieser scheint keineswegs altersmüde zu sein. Inspiriert durch die Online-Plattform »Youtube« und ausgerüstet mit dem 1959 Gibson Les Paul Reissue-Modell kam ihm die Idee, alte Weggefährten zum einem und Gitarristen, die er schon immer bewunderte, zum anderen in sein Studio einzuladen, um mit Ihnen ein Album aufzunehmen.
Ritenour ist es buchstäblich gelungen, das Who is who der internationalen Gitarrenszene für sein Projekt zu begeistern. So geben sich auf »6 String Theory« tatsächlich insgesamt 20 weltbekannte Gitarristen das Plektrum und die Studiotürklinke in die Hand. Mit dabei sind unter anderem John Scofield, George Benson, BB King, Slash, Andy McKee, Johnny Lang, Keb’ Mo, Neal Schon (Journey), Steve Lukather, Mike Stern und die große Jazzlegende Pat Martino.
Lee Ritenour ist Kopf, Initiator, Produzent und Arrangeur dieses Projekts. So spielt er selbst auch nicht bei jedem Stück mit, es ist aber deutlich herauszuhören, dass er im Hintergrund die Fäden zieht und alle Musiker sich sehr am unverkennbar klaren und präzisen Spiel Ritenours orientieren.
Die Songs auf der CD sind teils eigene Stücke der hier vertretenden Künstler, teils aber auch Coverversionen. So ist »Give me one reason« von Tracy Chapman hier in einer traditionellen Blues-Version von Keb’ Mo und Robert Cray zu hören, oder »Moon River« von Henry Mancini, ein Song in dem George Benson seine ganze Klasse beweist und eine sagenhafte Interpretation dieses »Frühstück bei Tiffany« Klassikers abliefert.
Stilistisch hat »6 String Theory« eine Menge zu bieten. Dass gerade der Blues für alle die Quelle der Inspiration ist, ist natürlich mehr als deutlich herauszuhören. Gelegentlich wird auch mal richtig gerockt und dann auch bald wieder etwas auf die Bremse getreten, um eine gefühlvolle Ballade zum Besten zu geben. Als hervorragendes Beispiel sei hier unbedingt »Shape of my heart« – eigentlich ein Song von Sting – in der Interpretation von Steve Lukather und Andy McKee zu erwähnen.
Ritenour schafft es anscheinend mit Leichtigkeit, aus allen Gitarristen ihr bestmögliches herauszukitzeln. Alle Protagonisten beweisen eindrucksvoll, dass sie zu Recht zur Elite gehören und spielen viele aufregende und stilistisch einwandfreie Soli, ohne dass es je in unerträgliches Gegniedel ausartet. Ritenour selbst sagt im Booklet, dass er schon vor den Aufnahmen ein großer Fan und Bewunderer jedes einzelnen war und diese Bewunderung seit den gemeinsamen Studiotagen nur noch größer geworden sei.
Zusätzliche Unterstützung kommt von einer unfassbar erfahrenen und hochkarätig besetzten Studioband. So hat Ritenour neben all den Stargitarristen noch zwei der größten Jazz-/Rock-/ Fusion-Schlagzeuger aller Zeiten verpflichten können: Vinnie Colaiuta und Harvey Mason. Weitere Musiker sind Larry Goldings (Piano), Nathan East (Bass) und der weltbekannte Percussionist Paulinho da Costa.
Entstanden ist ein Album, dass sich jeder (Jazz-)Gitarrist, egal ob Profi oder Amateur zum Vorbild nehmen sollte. Eine bessere Standortbestimmung in Sachen zeitgenössischem Gitarrensound sucht man auf diesem Niveau momentan sonst vergebens. Und wenn Herr Ritenour möchte, dann hätte ich für den hoffentlich irgendwann geplanten zweiten Teil auch noch ein paar Ideen…
22.08.2011
Jan Obri
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