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19.07.2010 | Dennis Wiesch
Re-Issues und Wiederveröffentlichungen, eigentlich kann man es weder sehen noch lesen und schon gar nicht mehr hören. Braucht man wirklich noch die remastered Deluxe-Bonus-Extended-Super-Edition mit noch mehr unveröffentlichten Songs und B-Seiten und DVDs mit Live-Konzertmitschnitten (gerne auch Unplugged), Interviews und so genanntem »Unseen footage«? Es wirkt auf einen (vor allem bei den Majorlabels) wie der verzweifelte und verkrampfte Griff nach dem letzten Strohhalm, um überhaupt noch Tonträger zu verkaufen.
Dabei werden diese so besonders gestaltet dass der Download wie ein Fastfood-Restaurant und das Box-Set wie ein 5-Sterne-Menü wirken soll. Irgendein Mittel muss es doch geben, um den Digitaltrend in die Knie zu zwingen. Allerdings leben viele immer noch in dem Glauben, dass sie die Riesen sind und MP3s nur eine vorübergehende Erscheinung. In Wirklichkeit stellt sich aber die Frage, wer denn nun wirklich die Rolle des Goliath und wer die des David übernommen hat, schon lange nicht mehr. Ich denke dass sich eh nur die absoluten Musikfreaks und –liebhaber diese Sondereditionen zulegen. Wer jetzt schon alles im Internet runterlädt, wird sich durch solche Aktionen auch nicht mehr davon abbringen lassen.
Umso schöner ist, dass es abseits der offensichtlichen Wiederveröffentlichungen (Rolling Stones – Exile On Main Street, Marvin Gaye – I Want You, Beatles,…) auch noch Labels und Strategien gibt, die selbst den Musikliebhaber und –sammler begeistern und aufhorchen lassen. »Soul Jazz« macht es schon seit vielen Jahren erfolgreich vor (hier das Portrait zum Nachlesen) und mindestens genau so hochwertig und vielfältig ist was die Jungs des amerikanischen Plattenlabels »Numero Group« zurzeit abliefern. Hier wird sofort auffällig, dass wirkliche Liebhaber und Kenner zu Werke gehen. Allein die Aufmachung der CDs und Schallplatten mit umfangreichen Booklets, toller Verpackung und vielen Fotos verschlägt einem den Atem.
Wenn man den Erfolg der beiden Labels bedenkt und den dazukommenden kompletten Verzicht auf die normalerweise auf so Samplern auftauchenden üblichen verdächtigen Songs aus dem entsprechenden Genre, kann man nur den Hut davor ziehen. Anstatt immer auf das gleiche Altbewährte zu setzen, wühlen und kramen beide so dermaßen tief in den verschiedensten Archiven und im Untergrund, dass so unglaublich viel gute Musik zu Tage kommt, von dessen Existenz nur die wenigstens wirklich wissen können.
»Numero Group« wurde 2003 von Tom Lunt, Rob Sevier und Ken Shipley in Chicago gegründet und darf auf einen beachtlichen und vor allem stolzen Backkatalog von mittlerweile über 60 Veröffentlichungen zurückblicken. Das Label zeichnet sich dadurch aus dass es sich auf ganz bestimmte klar definierte Abschnitte und Zeiträume der Musikgeschichte konzentriert. In verschiedenen Serien wird der Schwerpunkt auf jeweils ein anderes Thema gelegt. In der Reihe »Eccentric Soul« dreht sich alles um kleine und obskure Soul-Labels aus Chicago, Detroit, Columbus, St. Louis, Phoenix, Atlanta und Miami. Die Serie »Wayfaring Strangers« spezialisiert sich auf Folk Musik, während »Good God« sich eher mit religiös verwurzeltem Soul, Gospel und Funk beschäftigt.
Eine weitere äußerst bemerkenswerte Reihe nennt sich »Local Customs« und soll wie ein Dokument aus einer ganz bestimmten Ära einer lokalen oder regionalen Musikszene fungieren, normalerweise steht hier ein ganz bestimmtes Aufnahmestudio im Blickpunkt. Natürlich wird »Numero Group« nie ein Album über die Geschichte der »Motown Studios« herausbringen, so sehr sie diese Musik auch lieben und schätzen, aber das sollen andere machen. »Numero Group« beschäftigt sich lieber mit Studios wie dem »Downriver« in Detroit oder wie aktuell auf ihrem neuesten Release dem »Lowland Studio« in Beaumont Texas, gegründet von Mickey Rouse.
Die Musik die in diesem Studio entstanden ist, spiegelt eine lebhafte Szene an Musikern, Songwritern und Unternehmern wieder, die versuchten im Südosten Texas’ Karriere zu machen. Auch in Texas gab und gibt es viele Garagen- und Livebands und genau darauf aufbauend entstand das Lowland Studio und sein Klientel. In diesem kleinen Studio produzierten Bands wie Mourning Sun, Insight Out, Sage, Sassy, Mother Lion, Hope, Circus and Boot Hill Hunderte von Demos, die in den Regalen und Archiven des Studios verschwanden und bis zum heutigen Tage als fabelhafe Staubfänger dienten.
Die letzten zwei Jahre nun hat sich das Team von »Numero Group« penibel und akribisch durch alle alten Tapes und Bänder die im Archiv aufzuspüren waren, durchgehört und hat die besten Songs (22 auf CD, 28 auf der Doppel-LP) auf dieser unvergleichlichen Compilation veröffentlicht. So ist hier viel Südstaaten-Boogie-Rock, legitime Crosby, Stills, Nash & Young Nachfolger, Blues, Slide Gitarren,Yacht Rock für Cabriofahrer, Folk, Jimi Hendrix Jünger, schräge Jazz-Rock Fusion Songs mit wilden Flötensoli, Instrumentalstücke die auch einem Ennio Morricone gut zu Gesicht stehen würden, psychedelische Rock Nummern für Flanellhemdträger und Musik für Fans von Donovan und Simon & Garfunkel zu hören.
Mit »Lone Star Lowlands« ist eine Compilation entstanden, die wahre Schätze ans Tageslicht befördert hat und ein hervorragendes Portrait der Südstaaten-Rock-Szene der 60er und 70er Jahre in Texas ablichtet. Ganz toll!
Jon
20.07.2010 | 21:59
Ganz toller Artikel. Vielen Dank für den Tipp, die Musik klingt top! Hab mir gerade einiges auf der Internetseite von diesem Numero Group Label reingezogen und muss auf meinen Geldbeutel aufpassen. Meine Wunschliste ist gerade um einiges gewachsen. Gut zu wissen dass es immer noch Menschen gibt die so viel Liebe und Aufwand investieren, um weniger bekannte Musik den Leuten nahezubringen. Und es kann sich wirklich nur um eine kleine Zielgruppe handeln, der Umsatz spielt hier sicherlich nicht die Hauptrolle.
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