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09.07.2010 | Dennis Wiesch
England ist für seine Disco-Auswüchse seit jeher nicht wirklich das Aushängeschild und Vorzeigemodell wie z.B. in der Pop- und Punkmusik oder Rave-Kultur. Dass es die Briten aber – gerade in den 80er Jahren - produktionstechnisch sehr wohl mit dem Output und der Qualität der Amerikaner aufnehmen konnten, beweist Joey Negro’s hochwertige neue Compilation namens »Backstreet Brit Funk«.
Als Disco in Amerika schon erfolgreich war und die Tanzflächen beherrschte, fand in England diese Musik nur im Untergrund statt. Dort gab es ein Netzwerk britischer Nachtclubs, die angesagte Pionierarbeit leistende amerikanische Tanzmusik dem modernen englischen Jungvolk nahe brachten. Kids, die sich entgegen aller Trends dem Cliché-Look der normalen Teenager entzogen, bildeten die Zielgruppe.
Aber nicht nur die Kleidung der Besucher, auch die Musik die in den Clubs gespielt wurde, war revolutionär. Amerikaner mit großem Jazz-Background legten auf einmal einen unfassbaren Groove unter ihre Musik und Soli. Roy Ayers, Lonnie Listen Smith, Donald Byrd und George Duke waren alles ursprünglich leidenschaftliche Jazzer, während Gruppen und neue Formationen wie Earth Wind & Fire oder die Crusaders genau aus dieser Tradition entstanden sind. Es ging um eine Fusion, ihre Musik mit zeitgenössischen Sounds und Klängen zu verbinden. Kein Wunder dass sich bald britische Bands von diesem Sound haben anstecken und inspirieren lassen. Schnell sprossen neue Künstler wie Pilze aus dem Boden und eine eigene UK-Funk Szene war geboren.
Einige wohl bekannte Bands sind in dieser Zeit entstanden: Light of The World, Atmosfear und Freeez. Sie veröffentlichten anfangs ihre Platten auf kleinen Independent-(White)-Labels und verkauften diese aus ihrem Kofferraum und in befreundeten Plattenläden. Im Gegensatz zu der teilweise aalglatten amerikanischen Disco Musik war Britfunk vor allem schmutzig und schnell. Natürlich entstanden aus dieser Bewegung auch Bands wie Level 42 und Shakatak, die Disco bei »Top Of The Pops« salonfähig machten. Zudem gab es aber auch eine logische Weiterentwicklung die sich dann später Rare Groove und Acid Jazz nennen sollte. Und ohne diese Entwicklung gäbe es in dieser Form weder Jamiroquai, Soul II Soul, Incognito, Sade oder die Brand New Heavies.
Schon damals äußerst umtriebig war Joey Negro, der mit bürgerlichem Namen David Russell Lee heißt und seit mehr als 20 Jahren fest in der britischen Tanzmusik-Szene verwurzelt und als DJ und Produzent aktiv ist. Der mittlerweile 46-jährige Brite begann seine Karriere 1988, betreibt nach wie vor recht erfolgreich sein eigenes Label »Z Records«, gründete 1998 die Live-Formation Sunburst Band mit Chaka Khan’s Schwester Taka Boom als Sängerin, hat sich einen Ruf als fantastischer Zusammensteller sehr hörenswerter Compilations erarbeitet und unter den verschiedensten Synonymen Platten veröffentlicht.
Auf dieser Doppel-CD präsentiert Joey Negro nun einen äußerst passenden Querschnitt aus dieser pulsierenden Zeit. Brit Funk Twist mit starken Einflüsse aus Jazz, Soul und Disco. Dieses Album beinhaltet viele Raritäten und nur schwer zu findende Songs. Dabei sind Bands wie Incognito, Light of The World, Freeez und Intrigue noch am ehesten ein Begriff. Von allen anderen Bands, wie Breakfast Band, Hudson People, Stikki Stuff, 52nd Street oder Elixia muss ich zugegeben, noch nie gehört zu haben. Die von Joey Negro ausgewählten Songs sind alle top, diverse Gruppen haben tatsächlich nur eine einzige Single vorzuweisen. Aber eben genau dieser eine Song hat es in sich und war prägend für seine Zeit.
»Backstreet Brit Funk« bietet viel Abwechslung: wilde Gittarensoli bei der Breakfast Band, starke Gesangsparts bei Savanna und den Hudson People und die vermutlich unvermeidlichen Anlehnungen an Kool & the Gang bei »Better Things To Come« von Nigel Martinez und Mirage’s »Summer Groove«, das stark an Chic erinnert. Alles in allem ist diese CD ein tolles Stück Zeitgeschichte mit vielen Neuentdeckungen und Raritäten, auf der zum Glück auf die immer gleichen und eh schon bekannten Klassiker verzichtet wird.
22.08.2011
Jan Obri
Bezeichnender Song für meine wieder entdeckte Liebe zu 60s, Soul und R&B...
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