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10.04.2010 | Dennis Wiesch
Schon seit Längerem frage ich mich, wie es zurzeit eigentlich um die Jazz-Szene in Großbritannien bestellt ist. Und ich muss gestehen dass mir so auf Anhieb außer dem wirklich guten Magazin »Jazzwise«, dem »Jazz-Café« in London und den Musikern Dave Holland und John Surman nicht wirklich viel eingefallen ist. Aber wie ich jetzt glücklicherweise erfahren habe, gibt es Nachwuchs. Und was für welchen!
Die Rede ist vom Portico Quartet, bestehend aus vier Kerlen, alle Anfang 20, die sich schon aus gemeinsamen Schulzeiten kennen und sogar im Osten Londons zusammen in einem Haus leben. Gegründet hat sich das Quartett vor vier Jahren und mit »Isla« ist vor wenigen Wochen ihr zweites Album auf den Markt gekommen.
Ihren Sound zu beschreiben fällt schwer, auf einem Blog wird er einigermaßen treffend als »Weltmusik aus der Zukunft« beschrieben. Aber das umfasst das musikalische Spektrum der Band nicht ausreichend genug. Auf ihre Einflüsse angesprochen, nennen die vier Musiker neben Bands und Künstlern wie Queen, Miles Davis, EST, Philip Glass und Toumani Diabaté eine Vielzahl weiterer Musiker aus Afrika, Asien und der Karibik. Was alle vier eint, ist die einhellige Meinung dass das Album »Music for 18 Musicians« von Steve Reich eine der Hauptinspirationsquellen bildet. Und all diese Einflüsse sind auf »Isla« auch sehr deutlich zu hören.
Das Portico Quartet sind Duncan Bellamy (Schlagzeug), Milo Fitzpatrick (Bass und Streicher-Arrangements), Nick Mulvey (Hang und Percussion) und Jack Wyllie (Sopran- und Tenorsaxofon sowie elektronische Spielereien). Aufgrund einer schnell eingespielten Demo-EP und des damit einhergehenden positiven Feedbacks unterschrieb die Band 2007 ihren ersten Plattenvertrag und veröffentlichte das Album »Knee Deep In The North Sea«. Gerade in Großbritannien bescherte ihnen dieses Album eine Menge Aufmerksamkeit und wurde prompt für den »Mercury Music Prize« in einer Kategorie mit The Last Shadow Puppets, Rachel Unthank, Radiohead und Elbow nominiert. Vermutlich das Beste was den vier Londonern passieren konnte.
Für ihr neues Album »Isla« konnten sie den Produzenten John Leckie gewinnen. Dieser mietete die Band in die legendären »Abbey Road Studios«, in denen er Anfang der 70er Jahre schon als Tontechniker arbeitete, ein und stellte einen Kontakt zu Peter Gabriel her, der die Band direkt für sein Label »Real World« unter Vertrag nahm.
Prägendes und auffallendes Instrument auf dieser Platte ist die »Hang«, ein großes metallenes Etwas, vom Klang her noch am ehesten mit einer Steeldrum zu vergleichen. Hergestellt wird es in der Schweiz, hat einen Durchmesser von etwa 50 cm, eine Höhe von 24 cm und besteht aus 7-8 Tonfeldern und einer runden Resonanzöffnung. Aussehen tut es wie die Kreuzung aus einem UFO und einem alten Brummkreisel. Weltweite Bekanntheit erlangte das Instrument bei seiner offiziellen Vorstellung auf der Frankfurter Musikmesse im Jahr 2001.
Das Album an sich besticht durch seine Vielfältigkeit aber auch seine Gradlinigkeit. Viele verschiedene Einflüsse kommen zum Tragen und bilden zusammengenommen ein harmonisches Ganzes. Unterstützt wird die Musik der vier Engländer noch durch den dezenten Einsatz der Streicher (Geige, Cello und Bratsche), deren perfektes Arrangement wirklich auffällig ist. Die Musik macht süchtig und je häufiger man sich mit diesem Album auseinandersetzt, umso tiefer taucht man ein in die imponierenden Klangwelten des Portico Quartetts. Man hört Musik, die zu gleichen Anteilen vertraut und neu klingt, aber auch Sehnsüchte weckt. So zum Beispiel geschehen in dem Stück »Clipper«, ein Song durchzogen von einer leichten Melancholie und wunderschönen Melodie, durch deren äußerst leidenschaftliche Intonation man komplett in ihren Bann gezogen wird.
Das vierte Stück »Line« ist dagegen ein hervorragendes Beispiel für die Begeisterung der vier Musiker an der Minimal Musik Steve Reichs, zusätzlich bildet hier auch die »Hang« ein tragendes Element.
»Isla« zeigt sehr eindrucksvoll, dass jugendliche Verspieltheit und Experimentierfreude auf der einen und musikalische Reife auf der anderen Seite sich nicht voneinander ausschließen. Ganz großartiges Album!
Wäre dem nicht schon genug, sollte nicht unerwähnt bleiben dass sich die Band momentan auf flächendeckender Deutschlandtour befindet. Also nichts wie hin!
22.08.2011
Jan Obri
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