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07.06.2010 | Dennis Wiesch
Am 23.09.2010 wird Vinx alias Vincent DeJon Parrette auf dem Between the Beats Jazz-Festival auftreten. Der amerikanische Sänger und Percussionist lebt in Georgia und kann auf eine wirklich beeindruckende Karriere zurückblicken. Der 53-jährige ehemalige Profisportler stand schon mit so großartigen Musikern wie B.B. King, Stevie Wonder, Sting, Sheryl Crow, Taj Mahal und vielen mehr auf der Bühne und im Studio. Dennis Wiesch sprach mit ihm über die Anfänge, seine Einflüsse und Entwicklung, seine Zeit als Profisportler und die vielen verschiedenen Projekte die er betreut.
Ich bin eine Art Lehrer der es liebt, andere Menschen und Musiker zu inspirieren. Ich mag Menschen, die anders sind und ihr eigenes Ding machen. Da ich keine Kinder habe, bin ich jetzt an einem Punkt in meinem Leben angekommen, an dem ich die nächste Generation an Künstlern und Musikern inspirieren möchte. Ich versuche sie dazu zu bringen, ihren eigenen Sound zu entwickeln, immer ehrlich zu sich selbst und nicht ein billiger Abklatsch eines anderen zu sein. Unserer Musikindustrie ist es zu verdanken dass so vieles gleich und wie aus der Konserve klingt. Jeder junge Musiker versucht nur noch, von der breiten Masse akzeptiert und anerkannt zu werden. Und das ist schlimm, denn gerade so geht eine Menge individueller Kreativität verloren.
Deswegen bin ich auch stolz auf dass was ich erreicht habe. Früher war das noch anders. Irgendwann habe ich bemerkt dass sich mein Publikum nicht für mich interessiert hat, so lange ich mir nur Gedanken über ihre Reaktionen gemacht habe und versuchte, nur ihre Bedürfnisse zu befriedigen. Ich bin mir und meinen Gefühlen, so wie ich mich gebe und singe, treu geblieben. Und es hat gewirkt, ich habe urplötzlich wesentlich mehr Beachtung und Aufmerksamkeit erfahren. Dieser Moment der Realisierung hat alles für mich verändert. Als ich noch sehr jung war, hat mein Vater mit mir und meinen Geschwistern immer ein Spiel gespielt. Wir mussten am Tisch alle nacheinander singen und es war verboten wie jemand anders zu klingen. Dann hatten wir das Spiel verloren. So nach dem Beispiel »Oh nein, Du hast dich gerade genau wie Stevie Wonder oder Billy Eckstine angehört. Tut mir Leid, aber Du bist raus!«
Ja in der Tat. Wir mussten versuchen, all unsere Einflüsse zu verbergen. Und das war ganz schön schwer. Auch mein Vater hatte einen großen Einfluss auf mich, er war ein großartiger Sänger, ein professioneller Amateur, der aber leider nie eine Platte aufgenommen hat.
Hmm, gute Frage. Musik war schon immer ein großer Teil von mir. Ich war mir zwar lange Zeit nicht sicher ob es das ist was ich später mal machen möchte, aber es war genau das was ich am liebsten machen wollte. Genauso wie der Sport, wobei klar war dass der Hochleistungssport nur eine sehr begrenzte Zeit möglich sein wird. Also fokussierte ich mich erst auf den Sport, denn die Zeit war eh schon knapp. Aber die Musik hat mich auch in dieser Zeit nie losgelassen und war immer meine Motivation. Im Grunde war alles was ich tat, für die Musik.
Ein sehr bedeutender ist mein Vater. An bekannten Musikern ist es eine ganze Bandbreite, das geht von Jon Lucien und Andy Bey über Phoebe Snow und Sarah Vaughan bis hin zu Harry Belafonte, Billy Eckstine und Flora Purim. Gerade ihre Art zu singen liebte ich so sehr. Sie hatte eine äußerst ungewöhnliche Herangehendweise. Bei ihr galt das Motto: was herauskommt, kommt heraus. Sie hat es nie verbessern wollen, sah alles sehr natürlich. Das hat mir immer sehr imponiert.
Ich habe in meiner Jugend in einer College-Band gesungen und wir hatten die große Ehre, 1978 auf dem Montreux Jazz-Festival aufzutreten. Natürlich nicht in einem der großen Konzertsäle, aber auf einem der Plätze in der Stadt. Wir hatten natürlich auch kein Geld, um uns Tickets für die Konzerte zu leisten, also hingen wir viel vor den Cafés in der Stadt herum, genossen die Atmosphäre und hatten ein paar Auftritte. Bei eben einem dieser Auftritte kam auf einmal der große Taj Mahal vorbei – er war gerade auf dem Weg zu seinem Soundcheck – und fragte ob ich am Abend mit ihm in seinem Konzert auftreten würde. Sein Percussionist hatte Probleme mit seinem Visum und ihm schien sehr zu gefallen wie ich spielte. Meine Bandmitglieder waren natürlich einverstanden und meinten nur »Ja geh nur, wir brauchen Dich hier eh nicht, aber wehe Du besorgst uns keine Freikarten für das Konzert!« So kam ich unverhofft zu meinem ersten professionellen Auftritt und durfte gemeinsam mit Taj Mahal, B.B. King und Chick Corea auf der Bühne stehen. Und von Taj Mahal hatte ich bis zum Tage davor noch nie was gehört und dachte bei dem Namen nur an das Bauwerk in Indien. Während des Soundchecks fragte ich ihn natürlich was ich denn spielen soll, da ich seine Musik ja gar nicht kannte. Taj Mahal sagte mir nur dass ich spielen könnte was ich wolle. Ihm gefiel meine Art zu spielen und wenn ich das spiele was mir gefällt, bekommt er das was ihm gefällt. Ich war sprachlos und fragte erneut: »Also kann ich alles spielen?«, worauf er nur antwortete: »Natürlich, solange es sich nicht fürchterlich anhört.« Dieser Abend und dieser spezielle Moment war für mich das erste Mal dass mich jemand als Künstler wirklich ernst nahm. Meine Meinung und mein Gefühl waren auf einmal wichtig. Dieser eine Moment hat alles für mich verändert.
Das stimmt. Nur habe ich es bis zu diesem Zeitpunkt nie geglaubt. Früher habe ich immer nur gedacht: »Ja ja, ok. Wenn Du meinst…«
Um die Geschichte noch schnell zu Ende zu erzählen: da ich mich zu der Zeit schon in den Vorbereitungen auf die Olympischen Spiele in Moskau befand, musste ich am nächsten Morgen sehr früh raus um zu trainieren. Meine Bandkollegen indessen haben die ganze Zeit mit Chick Corea und Konsorten die Nacht zum Tage gemacht und bis in die frühen Morgenstunden gejammt. Das hat mir aber nichts ausgemacht, da ich zu der Zeit Sport als meine absolute Nr. 1 gesehen habe. Mein Herz, meine Leidenschaft und meine Gedanken waren eigentlich vollkommen auf dieses eine Event ausgerichtet.
Es war zum ersten Mal dass ich tatsächlich keinen Sport mehr gemacht habe. Es hat einfach nur noch wehgetan und war sicherlich für mich eine der größten Enttäuschungen überhaupt. Ich war zu der Zeit der zweitbeste Dreispringer der Welt, hatte wirklich gute Chancen auf den Olympiasieg und auf einmal war alles dahin. Es war so unglaublich schwer, diese Vorstellungen, diesen Traum gehen zu lassen. Ich wäre wohl besser damit zu recht gekommen, wäre ich verletzt gewesen. Aber höhere Mächte die nicht beeinflussbar waren, das war schlimm für mich. Zwei Jahre habe ich gar keinen Sport mehr gemacht, bin dann aber durch meinen Job als Trainer an der Universität von Texas wieder dazugekommen. Dort arbeitete ich mit vielen Athleten zusammen und mein Ehrgeiz wurde erneut geweckt. Leider wollte ich dann zu schnell zu viel, verletzte mich und die Vorbereitungen auf die Spiele in Los Angeles 1984 waren dahin. Zu der Zeit lebte ich schon in L.A. und entschied, erstmal dort zu bleiben, obwohl es für mich so schwere Zeiten waren. Es hat lange gedauert bis ich wirklich gut damit leben konnte. Einen Traum zu verlieren war für mich wie ein Familienmitglied zu verlieren. Ich hatte diesen Traum seitdem ich neun Jahre alt war, er hat mich immer begleitet. Und durch das Nicht-Teilnehmen-Können ist dieser Traum zerplatzt, ich habe etwas sehr Vertrautes dass mich über viele Jahre begleitet hat, endgültig verloren. Irgendwann war der Schmerz einigermaßen überwunden und fortan war klar dass jetzt nur noch die Musik für mich in Frage kommt. Hätte ich 1980 an den Olympischen Spielen teilnehmen können, wäre ich heute bestimmt nicht der Künstler, der ich jetzt geworden bin. Es war eine ganz bedeutende Zeit für mich, eine Art Selbstfindung, wo sich alle kleinen Dinge langsam zu dem großen Ganzen zusammenfügten.
Ich war einer der ersten privaten Fitnesstrainer in Los Angeles und zufälligerweise war einer meiner ersten Kunden ausgerechnet Stevie Wonder! Ich habe versucht, ihn etwas in Form zu bringen. Zu meiner aktiven Zeit als Sportler hatte ich auch Kontakt zu dem Label Motown, die mit mir ein Album machen wollten. Ich war der einzige musikalisch talentierte Profisportler der Welt und ein Album wäre für die Olympiade 1984 doch eine tolle Geschichte gewesen. Diese Kontakte haben mir für meine Karriere sehr geholfen.
Puh, das ist einfach nicht möglich. Es hängt ganz von der Person ab, die mir gegenüber steht. Mein Stil variiert dafür auch einfach zu sehr. Ich denke dass mein bestes Album noch gar nicht gemacht ist. Das nächste Projekt ist für mich immer das Wichtigste und Beste. Am meisten stolz bin ich vielleicht auf mein Album »The Mood I’m In«. Auf diesem Album habe ich vielen alten Songs wie »Georgia On My Mind«, »Sway« und »Mellow Yellow« durch meine ganz spezielle Art ein neues Gewand verpasst.
Ich gehe etwa zweimal im Jahr zum Beispiel nach Ghana oder Sierra Leone und tausche mich mit den dort ansässigen Musikern aus. Ich versuche ihnen zu vermitteln dass sie stolz auf ihre eigene Musik und Tradition sein sollen, das ist allerdings nicht einfach. Viele versuchen wie amerikanische Rapper aus dem Ghetto zu klingen, obwohl die Magie und die Kraft ihrer Musik viel interessanter ist. Da dürfen sie sich auch nicht wundern wenn die Musikindustrie an ihnen nicht interessiert ist. Diese sagt nur: »Wir brauchen nicht die Drummers From Mali, die Folk Songs singen, genauso wenig wie eine Lady Gaga aus Benin.« Ich versuche ihnen immer wieder zu sagen dass sie ihren eigenen Stil finden und weiterentwickeln müssen. Im Grunde wie die Jamaikaner. Jeder auf der Welt kennt Reggae Musik, und diese kommt aus einem kleinen Land. Dafür ist es berühmt. Es gibt so viel wundervolle Musik die es noch zu entdecken und wertschätzen gilt, anstatt dass jeder wie der nächste klingt, nur um auf MTV gespielt zu werden. Ich versuche diese Musiker und ihre Kreativität zu fordern und zu fördern, ihnen zu vermitteln dass sie genau so sein sollen wie sie sind. Was sie besonders macht, sind die einzigartigen Gegebenheiten und die vielen verschiedenen Einflüsse um sie herum. Ich möchte den Künstler und seine Herkunft hören, darin liegt die Schönheit der Musik. Ein Künstler muss durch seine Musik identifizierbar sein. So habe ich es schon als Kind gelernt, so bin ich erzogen worden. Musik ist nur die Sprache, wichtig ist die Geschichte die du erzählst. Wenn man keine besondere Art und Fähigkeit hat, seine Geschichte erzählen zu können, braucht Dich auch keiner.
Ich erwarte auch nicht dass mich jeder mag. Für mich ist es vollkommen in Ordnung wenn jemand mit meiner Musik nichts anfangen kann. Ich kann nur authentisch, ehrlich und ich selbst sein, und wem das gefällt, der wird auch meine Musik wertschätzen. Viel mehr kann ich nicht machen. Würde ich jedem gefallen wollen, wäre ich McDonalds. Nur für die breite Masse, aber nicht für den Geschmack und die Qualität.
Dies ist ein Projekt der amerikanischen Botschaft, oder genauer gesagt von der »United States Information Agency«, die für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist. Ein bis zweimal im Jahr schicken sie mich nach Afrika, um Konzerte zu spielen und mich auf einer kulturellen Ebene mit den dort ansässigen Musikern auszutauchen. Mittlerweile war ich schon in zwölf verschiedenen Staaten.
Ich bin gerade sehr mit der Organisation einer Festivaltournee quer durch Amerika beschäftigt. Auf diesem Festival möchte ich unabhängige Künstler ohne Plattenvertrag fördern. Einige von ihnen sind wahre Juwelen, aber die Öffentlichkeit wird leider nie von ihnen erfahren da die großen Plattenfirmen sie komplett ignorieren. Einige sind vermutlich zu speziell und einzigartig und lassen sich schlecht vermarkten und gerade deswegen versuche ich ihnen durch dieses Festival eine Plattform zu bieten. Und des Weiteren arbeite ich gerade auch an einem neuen Album.
»Soul Kitchen« ist im Grunde ein Workshop, eine Art Kreativitäts-Spa. Die Workshops finden in meinem Haus hier in Georgia statt. Meine Teilnehmer sind oft Studenten und Musiker, aber auch Produzenten, Poeten, Lyriker, Schriftsteller und Drehbuchautoren tauchen hier auf. In Einzel- und Gruppenübungen können sie viel lernen, Songtexte schreiben, wir nehmen auch Songs auf und diskutieren viel. Die »Soul Kitchen« findet viermal im Jahr statt, geht jeweils über vier Tage und die Teilnehmerzahl ist begrenzt auf 22 Personen. Durch die Workshops versuche ich die einzelnen Teilnehmer genau so zu inspirieren wie mein Vater mich einst inspiriert hat. Ich versuche ihnen zu vermitteln, an sich selbst und ihr besonderes Talent zu glauben und gebe zusätzlich noch eine Menge Tipps.
Sie sollten sich unbedingt darauf vorbereiten, etwas zu erleben was sie so in der Form bisher nicht für möglich gehalten haben. Sie werden den ganz speziellen Moment erleben, sie werden den Künstler Vinx in diesem ganz bestimmten Moment erleben. Ich werde vorher auch nicht wissen was ich sagen und singen werde, bis zu dem Zeitpunkt wo ich es dann singe. Es findet alles genau im Hier und Jetzt statt. Den Zuschauer erwartet eine Reise, ich weiß jetzt noch nicht wo sie hingehen wird und gerade dafür ist es wichtig, das Publikum zu spüren und mit ihm zu kommunizieren. Ich kann noch nichts über die Konversation sagen bis wir uns gegenüber stehen und sie geführt haben. Jemand hat mal zu mir gesagt dass ich keine Musik spiele, sondern dass ich Musik im Hier und jetzt mache, auf das Publikum eingehe und mit ihnen interagiere. Ich probe vorher auch nicht was ich vorhabe zu spielen, ich lasse die Situation und den Augenblick auf mich wirken und fange an. Dies war ein wirklich schönes und wichtiges Kompliment für mich.
22.08.2011
Jan Obri
Bezeichnender Song für meine wieder entdeckte Liebe zu 60s, Soul und R&B...
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